Ursi hat drei erwachsene Söhne. Doch einer braucht sie bis heute besonders. Lorin lebt mit Trisomie 21 und ist auf Unterstützung im Alltag angewiesen. Die wöchentliche Entlastung durch Angelika vom Entlastungsdienst Schweiz schenkt Ursi neue Freiräume. Und Lorin erhält gezielte Förderung und unbeschwerte Glücksmomente.
«Typisch ich», sagt Lorin und zeigt stolz auf seinen Pullover. Darauf sind tanzende Figuren zu sehen, umgeben von Musiknoten. Musik ist seine grosse Leidenschaft. Der 25-Jährige besucht regelmässig Tanzveranstaltungen für Menschen mit Behinderungen und liebt es, Feste zu feiern. Auch beim Theater Birmensdorf ist er mit Begeisterung dabei und hat viele Freundschaften geschlossen. Wer Lorin begegnet, spürt sofort seine Offenheit und Lebensfreude. Doch hinter diesem Strahlen steckt ein Alltag, der viel Organisation und Begleitung verlangt.
Für Ursi und ihren Mann war der Start ins Familienleben geprägt von Sorgen und Ungewissheit. Lorin kam an einem kalten Dezembertag sechs Wochen zu früh zur Welt. Kurz nach der Geburt wurde Trisomie 21 diagnostiziert und Lorin verbrachte seine ersten Lebenswochen auf der Neonatologie. Getragen von ihrem Umfeld und dem Austausch mit Familien in ähnlichen Situationen, fand die Familie schliesslich ihren Rhythmus und blickten zuversichtlich in die Zukunft.
In den darauffolgenden Jahren wuchs die Familie weiter und Lorin bekam zwei Brüder. Dass ein Kind mehr Aufmerksamkeit braucht als die anderen, war im Alltag oft spürbar. Umso mehr bemühten sich die Eltern, dass die jüngeren Geschwister nicht zu kurz kommen. «Mir war es immer wichtig, dass sich alle Kinder gesehen fühlten», erzählt Ursi.
Die beiden Brüder sind inzwischen erwachsenen und gehen ihren eigenen Weg. Lorin ist aber weiterhin auf Pflege und Betreuung angewiesen. Mutter Ursi achtet darauf, ihn möglichst viel selbst machen zu lassen. Zuhause hat er seine festen Aufgaben: er legt sich seine Kleider aus dem Schrank, holt die Post oder deckt den Tisch. Viele Handgriffe brauchen Zeit und Anleitung. Doch der Fortschritt zählt mehr als das Tempo. «Es braucht viel Geduld, aber diese Geduld zahlt sich aus», bekräftigt Ursi.
Freizeit ist für Ursi ein rares Gut. Spontane Ausflüge oder freie Tage sind kaum möglich. Auch eine feste Erwerbstätigkeit war lange undenkbar. Erst seit Lorin vier Tage pro Woche eine Tagesstruktur besucht, kann Ursi in Teilzeit arbeiten. Den Weg zur Tagesstätte mit Bus und Zug meistert Lorin selbstständig. Ein Erfolg, auf den beide stolz sind. Für Notfälle hat er ein Handy, mit dem er seine Mutter jederzeit erreichen kann. Für Ursi ist diese ständige Verfügbarkeit fester Bestandteil ihres Lebens.
Manchmal fragt sie sich, ob Lorin eines Tages ohne ihre enge Begleitung leben wird. Noch ist das kaum vorstellbar, weil bestehende Wohn- und Arbeitsangebote zu wenig individuelle Betreuung bieten. Ursi wünscht sich ein Umfeld, in dem Lorin von einfühlsamen Betreuungspersonen begleitet wird. Denn von schlechten Erfahrungen kann er nur schwer berichten. Seine Aussprache ist undeutlich und oft fehlen ihm die Worte – vor allem in emotionalen Situationen. Dann kommen ihm die Tränen. Für Ursi ist es schmerzlich zu wissen, dass sie nicht immer erfahren wird, wenn ihn etwas beschäftigt. Deshalb legt sie Wert darauf, Lorin gezielt in seiner Sprache zu fördern.
Mit dem Erwachsenwerden fielen viele Förderangebote weg, so auch die Logopädie. Die Suche nach einer neuen Fachperson blieb erfolglos. Durch eine Bekannte stiess Ursi schliesslich auf den Entlastungsdienst Schweiz. Seither verbringt Lorin jeden Montagnachmittag bei Betreuerin Angelika. Mit spielerischen Sprachübungen am Tablet oder im Arbeitsheft fördert sie Lorin gezielt und liebevoll. Für Ursi ist das eine grosse Entlastung: «Mit uns übt er nicht mehr gerne, aber mit Angelika blüht er richtig auf.»
Neben den Übungen verbringen Angelika und Lorin abwechslungsreiche Nachmittage: Sie spielen Memory, backen oder gehen spazieren – meist in Begleitung von Hündin Tabita. Man merkt, dass die drei ein eingespieltes Team sind. Und das, obwohl Lorin eigentlich Angst vor Hunden hat. Mit ihrer ruhigen Art führte Angelika Lorin behutsam an Tabita heran, bis aus Unsicherheit Neugier wurde. Sichtlich stolz streichelt er der Hundedame heute übers Fell und verwöhnt sie mit Leckerlis.
Wenn Ursi und ihr Ehemann ihren Sohn so sehen, geht ihnen das Herz auf. Sie ist dankbar, in Angelika eine humorvolle und zuverlässige Vertrauensperson gefunden zu haben. Sie möchte die Einsätze des Entlastungsdienstes nicht mehr missen: «Ich kann wirklich abschalten und Lorin hat eine gute Zeit. Das tut uns beiden gut.»
«Ich kann wirklich abschalten und Lorin hat eine gute Zeit. Das tut uns beiden gut.» Ursi Bertschi